
Warum kippt ein Welpe abends komplett um, obwohl er den ganzen Tag über eigentlich brav war? Diese Frage geistert mir seit Wochen durch den Kopf, während mein Mischlingswelpe im Kreis ums Sofa rast und die Krallen auf dem Boden klackern wie ein kleiner Presslufthammer. Genau in solchen Momenten verstehe ich, was mit Puppy Blues eigentlich gemeint ist – nicht die süßen Fotos für die Story, sondern das Gefühl, mitten in der Welpenerziehung völlig überfordert am Küchentisch zu sitzen, während der eigene Hund gerade SCHON WIEDER meinen Hausschuh als Kauspielzeug entführt.
Fast jede Ratgeberseite behauptet dasselbe: Wenn der Welpe abends durchdreht, hat er einfach noch zu viel Energie – also raus mit ihm, noch eine Runde, noch ein Ballwurf. Genau das habe ich am Anfang auch geglaubt und bin nach jedem Abendessen noch eine zusätzliche Runde Richtung Connewitzer Kreuz gelaufen, bis ich selbst Blasen an den Füßen hatte. Ruhiger wurde er davon nicht. Wilder wurde er.
Der Mythos vom müden Welpen
Der Denkfehler steckt tiefer, als man denkt: Wir verwechseln Müdigkeit mit Ruhe. Ein übermüdeter Welpe wird nicht schläfrig und leise, er wird hibbelig und beißt nach allem, was sich bewegt.
Sein Nervensystem kippt einfach um, sobald über den Tag zu viele Eindrücke reingekommen sind und nirgendwo ein Ventil dafür da war. Die Straßenbahn, fremde Hunde, das Treppenhaus, jedes Geräusch in der Wohnung – alles sammelt sich an, und abends muss es raus.

Der Online-Welpenkurs hat mir die Augen geöffnet
Ein Kapitel in meinem Online-Welpenkurs hat mir das endlich klargemacht: Wir Menschen denken bei Müdigkeit an Gähnen und Kuscheldecke, bei einem Welpen bedeutet Erschöpfung oft das genaue Gegenteil. Das abendliche Überdrehen ist dafür eigentlich das sichtbarste Zeichen – Erschöpfung ist eben nicht dasselbe wie Müdigkeit, so sehr sich das für uns auch widersprüchlich anfühlt.
Neulich, mitten in einem Online-Seminar für die Uni, hat er sich urplötzlich in meine Wade verbissen, während ich stummgeschaltet dasaß und nicht wusste, ob ich schreien oder lachen sollte. Diese Abend-Chaos-Phase ist bei uns fast immer gleichzeitig der Beißhöhepunkt – kurz bevor er kippt, hängt er an meinem Hosenbein oder an meiner Hand, und erst danach beruhigt er sich wirklich. Was mir dabei geholfen hat, als mein Welpe beißt in Hände und Füße, war ursprünglich für ein ganz anderes Problem gedacht, aber die Methode passt hier fast eins zu eins.
Die ersten Wochen bestehen ohnehin gefühlt nur aus Baustellen, die gleichzeitig brennen: die Nächte, in denen er noch nicht durchschläft, die kurzen Übungen, bei denen ich ihn allein im Flur lasse, die Ausflüge zum Baumarkt oder ins Café, bei denen er neue Menschen kennenlernt, die Pfützen, die trotzdem noch mal aufs Bett kommen, und sein Zittern, sobald ich den Staubsauger nur anfasse. Kein Wunder, dass am Abend die Sicherung durchbrennt.
Die Decke, die er sofort zerfetzt hat
Ignorieren – der Standardtipp aus jedem Ratgeber – hat bei uns nicht funktioniert, im Gegenteil. Einmal habe ich sogar eine alte Decke mit meinem Geruch in sein Körbchen gelegt, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass das beruhigt. Er hat sie innerhalb von zwei Minuten in Fetzen gerissen, als wäre es eine persönliche Beleidigung gewesen.
Danach habe ich aufgehört, nach der einen perfekten Lösung zu suchen, und angefangen, alles aufzuschreiben, was tatsächlich passiert – mein kleines Hundetagebuch, mehr Notizzettel als Kunstwerk, während meine Mitbewohnerin aus dem Zimmer nebenan fragte, ob bei mir gerade eingebrochen wird. Genau dabei bin ich auf einen ganz anderen Ansatz gestoßen, den ich zuerst für verrückt hielt.

So läuft unser Energie-Ablass ab
Statt ihn sofort zur Ruhe zu zwingen, gebe ich ihm inzwischen ein kurzes Ventil, bevor der Kopf komplett überkocht. Sobald der Blick glasig wird und die Rennerei losgeht, lasse ich ihn für ungefähr zwei Minuten intensiv in ein Seil beißen und dagegenhalten, das baut die körperliche Spannung ab. Danach streue ich eine Handvoll Futter im Wohnzimmer aus, das Schnüffeln senkt seinen Puls spürbar. Der Zeitpunkt, wann genau das Futter kommt, macht dabei fast den größten Unterschied – zu früh, und er bleibt aufgedreht, zu spät, und er hat schon wieder vergessen, worum es überhaupt ging.
Neulich hat er mitten im Zergeln kurz meine Hand angeknabbert, für eine Sekunde innegehalten – und dann ganz von allein das Seil vom Boden aufgehoben, ohne dass ich überhaupt etwas gesagt habe. Solche Momente sind es, die mir zeigen, dass wir beide gerade wirklich etwas lernen, nicht nur ich.
Ich höre die Attacke meistens, bevor ich sie überhaupt sehe – die Dielenbretter im schmalen Flur knarzen im Sekundentakt, kurz bevor er wie ein Torpedo Richtung Küchentreppe schießt, die eigentlich nur zur Abstellkammer führt. Danach ist Schluss, keine Diskussion: Körperkontakt oder Box, kein Spielzeug mehr.
Woran erkennst du, dass es zu viel wird?
Mittlerweile achte ich mehr auf seine Körpersprache als auf die Uhr – das glasige Auge, das Hecheln ohne Anstrengung, die Ohren, die sich kurz vor dem Losprescht anlegen.
Als ich meiner Studienfreundin Svenja Dörner davon erzählt habe, hat sie mir nicht mal richtig zugehört, sondern sofort ihr Handy gezückt und angefangen, alles über FRAPs zu googeln, noch bevor ich den Satz beenden konnte. Sogar Jana, die ich manchmal am Connewitzer Kreuz treffe und die dort jeden Hund beim Vornamen kennt, hat mich mal gefragt, ob mein Kleiner einen Tick hat, weil er abends so durchdreht.

Ein fester Tagesablauf Welpe 14 Wochen hilft dabei nicht nur ihm, sondern vor allem mir – ich weiß inzwischen ungefähr, wann die kritische Phase kommt, und kann gegensteuern, bevor der erste Hausschuh fällt. Es ist ein bisschen wie in der Prüfungsphase: Mit Plan wirkt der Berg an Chaos plötzlich nicht mehr ganz so unbezwingbar.
Manchmal ist es auch einfach Frust über ganz andere Dinge, der sich auf ihn überträgt – ähnlich nervig wie wenn der Welpe zieht an der Leine, weil man das Gefühl hat, überhaupt keine Kontrolle zu haben.
Er hat in diesem Alter schlicht noch keine echte Impulskontrolle – sein Gehirn ist noch mitten im Aufbau, ungefähr so wie meine Bachelorarbeit gerade. Wenn er dann endlich zur Ruhe kommt, sacke ich oft einfach auf dem Boden zusammen und starre die abblätternde Ecke der Stuckdecke über meinem Schreibtisch an, bis auch mein eigener Puls wieder runtergeht.
Probier das heute Abend aus
Der Mythos, dass ein durchdrehender Welpe einfach noch raus muss, hält sich hartnäckig – und genau der stimmt nicht. Wenn dein Welpe abends zum kleinen Chaos-Monster wird, ist die richtige Reaktion selten "noch eine Runde", sondern ein kurzes, klares Ventil: zwei Minuten Zergeln oder eine Futtersuche, danach konsequent in die Ruhe begleiten, ohne Spielzeug, ohne Blickkontakt, ohne Diskussion.
Beobachte dabei weniger die Uhr und mehr seinen Blick. Sobald die Augen glasig werden, ist der Moment zum Gegensteuern da, nicht erst wenn er schon durch die Wohnung fegt. Du bist keine schlechte Hunde-Mama, nur weil dein Welpe gerade durchdreht – du hast wahrscheinlich einfach den gleichen Denkfehler wie fast jede Ratgeberseite da draußen.