
Elf Stufen runter, durch den dunklen Flur, bis zur Wohnungstür. So oft bin ich diese Woche schon nachts mit einem tropfnassen Welpen im Arm gerannt, dass ich irgendwann angefangen habe mitzuzählen. Mein Bettbezug hängt gerade zum zweiten Mal in dieser Woche in der Waschmaschine, weil mein Hund im Bett mitten im Tiefschlaf einfach losgelassen hat. An meinem Bein. Bevor ich mir diesen Welpen aus dem Tierschutz geholt habe, dachte ich, Stubenreinheit sei eine Sache von zwei, drei Wochen. Falsch gedacht.
Ich bin Lena, 27, und studiere Lehramt hier in Leipzig. Als ich mir diesen Welpen geholt habe, hatte ich Bilder von gemütlichen Spaziergängen und ruhigen Abenden im Kopf. Die Realität riecht gerade eher nach Wäsche und Schlafmangel. Meine Wohnung in Leipzig-Gohlis liegt im dritten Stock, natürlich ohne Aufzug, und jede nächtliche Notfall-Runde fühlt sich an wie Intervalltraining kurz vor der Prüfungsphase.
Draußen im Rosenthal-Park hat er zehn Minuten lang jeden Grashalm einzeln begutachtet und, na klar, nichts gemacht. Kaum sind wir wieder oben, springt er aufs Bett und lässt es einfach laufen.
Warum ausgerechnet das Bett?
Im Online-Welpenkurs, den ich gerade parallel zum Studium mache, haben sie das so erklärt: Für einen Welpen fühlt sich ein weiches Bett oft sicherer an als der kalte Boden. Es riecht nach mir, es ist warm, und sobald er sich entspannt, entspannt sich eben auch der Rest von ihm.
Kein Protest, kein Trotz. Er ist einfach noch ein Baby, das seine Ausscheidung noch nicht so steuern kann, wie ich mir das wünschen würde.

Niemand in meinem Freundeskreis versteht wirklich, was das hier bedeutet. Nur Svenja, meine Studienfreundin, checkt das – sie hat selbst einen Hund und weiß, was Puppy Blues heißt, wenn man nachts am Ende ist. Ich habe ihr spätnachts eine Sprachnachricht geschickt, nur Geheule und „ich schaffs nicht mehr", und keine drei Minuten später hat sie zurückgerufen. Egal wie spät, sie antwortet.
Eine Decke, ein zerrissener Fehlversuch
Bevor der neue Plan stand, habe ich natürlich erstmal alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Eine alte Decke mit meinem Geruch ins Körbchen gelegt, hat mir jemand aus einem Forum geraten, das würde beruhigen. Er hat sie binnen einer Minute zerrissen und die Fetzen quer durchs Zimmer verteilt. Es sah aus wie nach einer Kissenschlacht auf der letzten WG-Party, nur mit mir als einziger Aufräumkraft.
Schon bei der Welpen Erstausstattung für Studenten hatte ich mich finanziell komplett verschätzt, und jetzt kam eine zerfetzte Decke dazu. Welpenerziehung ist gerade mein heimliches zweites Fach, gefühlt mit mehr Prüfungen als mein eigentliches Lehramtsstudium.

So sieht unser Nachtplan gerade aus
Ich habe angefangen, alles aufzuschreiben – jedes Pipi, jede Uhrzeit, jeden kleinen Erfolg. Mein Notizblock sieht aus wie eine Mischung aus Prüfungsvorbereitung und Wochenbett-Tagebuch, aber es funktioniert.
Sein eigenes kleines Körbchen steht jetzt direkt neben meiner Bettseite. Das Bett selbst ist vorerst tabu. Sobald er anfängt zu scharren oder zu fiepen, weiß ich: Jacke über den Schlafanzug, Schlüssel schnappen, raus.
Draußen wartet dann die Party. Ich habe eine Dose getrocknetes Hühnchen neben der Tür stehen, und wenn er auch nur einen Tropfen draußen macht, feiere ich, als hätte ich gerade eine Klausur bestanden. Drinnen passiert dagegen: nichts. Kein Drama, kein Schimpfen, nur stilles Aufwischen.
Alle zwei bis drei Stunden klingelt jetzt zusätzlich mein Wecker, auch nachts. Es ist die Hölle, ich sitze wie ein Zombie im Seminar und nicke fast ein. Aber wenn ich ihn rausbringe, BEVOR die Blase drückt, bleibt das Bett trocken. Wir hatten diese Woche schon drei Nächte ohne Unfall – für uns gerade ein persönlicher Rekord.
Ganz durchschlafen, ohne einen einzigen Wecker, ist für uns beide noch ein Ziel für später. Aber das ist nochmal ein eigenes Thema für sich.

Enzymreiniger statt Ammoniak-Geruch
Normaler Allzweckreiniger reicht nicht, das musste ich erst lernen. Hunde riechen den Ammoniak in ihrem eigenen Urin noch lange, nachdem für uns menschliche Nasen längst wieder alles sauber riecht, und dieser Geruch sagt ihm: Hier ist dein Klo. Seitdem ich einen speziellen Enzymreiniger benutze, ist die Stelle für seine feine Nase kein Toilettenzeichen mehr. Zwei Flaschen davon habe ich in den letzten Wochen schon leer gemacht.
Während ich am Schreibtisch an einer Hausarbeit sitze, knabbert er nebenbei leise an meinem Fuß. Zähne von Haut fernhalten ist nochmal ein komplett eigenes Training, das ich hier gar nicht erst aufmache.
Wie wichtig das genaue Timing beim Belohnen dabei ist, hatte mir vorher niemand so klargemacht – bis ich Welpe Erziehung Grundlagen: Warum Lass das Glück einziehen mein Rettungsanker war gelesen habe.
Stubenreinheit kommt in kleinen Schritten
Heute beim Spaziergang im Rosenthal-Park ist etwas Kleines passiert, das mich den ganzen Tag getragen hat. Mitten auf dem Weg, ohne dass ich ein Leckerli in der Hand hatte, hat er sich einfach hingesetzt und zu mir hochgeschaut. Kein Keks, kein Kommando von mir vorher – er hat es einfach gemacht.
Seit der vierten Woche mit ihm weiß ich: Fortschritt bei einem Welpen verläuft nicht gerade, sondern in Wellen, und ein Rückfall heißt nicht, dass die ganze Arbeit umsonst war. Wenn du gerade nachts im Schlafanzug durch die Wohnung rennst und am liebsten aufgeben würdest – das gehört offenbar dazu, und es bleibt nicht für immer so.
Stubenreinheit ist offenbar kein Sprint. Bis dahin sammle ich weiter Sprachnachrichten von Svenja, wechsle Bettwäsche und freue mich über jede trockene Nacht, die dazukommt.