Er liegt quer über meinen Füßen, ein Zipfel der Decke im Maul, und rührt sich nicht.
Bei einem Welpen in seinem Alter ist das kein Sonderfall, sondern der Normalzustand: Zwischen 18 und 20 Stunden Schlaf pro Tag gelten als üblich, hat mir die Trainerin aus meinem Online-Welpenkurs erklärt, als ich fast panisch nachgefragt habe, ob mit ihm was nicht stimmt. Vier Stunden wach, der Rest verschlafen – und trotzdem soll man erkennen, wann genug dabei rauskommt und wann nicht? Ich lege die beiden Versionen von ihm gedanklich nebeneinander, den ausgeruhten und den übermüdeten, und der Unterschied ist inzwischen so klar, dass ich ihn nach wenigen Sekunden sehe.
Ruhig oder aufgedreht: zwei Bilder von demselben Hund
Ausgeruht sieht bei ihm so aus: Er kommt an, schnuppert kurz, legt sich hin. Selbst ein kurzer Spaziergang bis zum Connewitzer Kreuz und zurück reißt ihn aus dieser Ruhe nicht raus. Wenn ich mit dem Fuß wackle, hebt er höchstens ein Ohr, ignoriert mich aber meistens komplett und schläft weiter. Er reagiert auf ein Kommando, ohne dass ich es zweimal sagen muss, und wenn er spielt, hat das Spiel ein Ende – er hört auf, bevor es kippt.
Übermüdet sieht komplett anders aus. Dann rast er wie ein Irrer durch unsere WG-Küche, schnappt nach meinen Fußgelenken, reißt an allem, was in Reichweite ist, und lässt sich durch nichts bremsen. Kein Kommando kommt mehr durch. Das wirkt wie zu VIEL Energie, ist aber das Gegenteil: Er ist fertig und kann das selbst nicht mehr einordnen.
So viel Schlaf braucht ein Welpe wirklich
Vier wache Stunden am Tag. Das ist ungefähr so viel, wie ich manchmal für eine einzige Hausarbeit brauche, und bei ihm müssen Fressen, Gassi, Spielen und mindestens ein zerlegter Gegenstand reinpassen. Kein Wunder, dass am Ende wenig übrig bleibt für Training.
Genau deshalb hat Training bei uns fast ausschließlich an ausgeruhten Tagen geklappt – falls du wissen willst, wie mein Mischling endlich auf seinen Namen hört, das war jedenfalls nur an den Tagen möglich, an denen er vorher genug geschlafen hatte. Welpen haben ohnehin kaum Impulskontrolle, und Schlafmangel macht das nur schlimmer.
Kauartikel helfen nicht gegen Unruhe vorm Schlafen
Bevor ich das mit dem Schlaf verstanden hatte, hab ich es mit Ablenkung versucht. Kauartikel nach Kauartikel hab ich ihm hingehalten, in der Hoffnung, dass er sich daran müde kaut und danach von selbst zur Ruhe kommt. Er hat jeden einzelnen zerlegt und sich danach trotzdem die Fernbedienung geschnappt. Kauen macht wach, nicht müde – das hätte mir eigentlich klar sein können.
Inzwischen sehe ich den Unterschied direkt an seinem Maul. Neulich hat er kurz nach meinen Fingern geschnappt, mitten in der Bewegung abgebrochen und sich stattdessen selbst das Kau-Tau aus der Ecke geholt – das klappt fast nur, wenn er kurz vorher richtig geschlafen hat. An übermüdeten Tagen bricht er nichts ab, dann beißt er weiter, bis ich eingreife.
Boxentraining oder einfach nur die Bedingungen schaffen?
In Foren liest man oft: Boxentraining, feste Ruhezeiten, konsequent durchziehen. Bei uns hat das Gegenteil funktioniert. Wenn ich ihn zu einer festen Uhrzeit ins Körbchen zwingen wollte, wurde er unruhiger, nicht ruhiger. Was stattdessen half: die Bedingungen schaffen und ihn selbst entscheiden lassen, wann der Kopf schwer wird.
Unser Fenster geht zum Hof raus, hat keinen Rollladen, und sobald draußen die ersten Vögel loslegen, ist es in der Wohnung schon taghell – das erklärt vermutlich, warum er morgens früher wach ist, als mir lieb wäre. Wenn er schläft, schleiche ich über die knarzenden Dielen im Flur wie über dünnes Eis, jeder Schritt ein Risiko, dass er hochschreckt.
Wenn sich Uni-Rhythmus und Welpen-Rhythmus reiben
Kurz vor der Prüfungsphase reicht bei mir eine schlechte Nacht, und ich bin den ganzen Tag dünnhäutig. Bei ihm ist das nicht anders, nur dass er es nicht runterschlucken kann wie ich mit meinem dritten Kaffee. Ob er nachts durchschläft, ist nochmal ein eigenes Thema für sich – hier geht es nur darum, ob am Tag insgesamt genug zusammenkommt.
Svenja, mit der ich seit dem Studium befreundet bin und die selbst einen Hund hat, sagt mir dann immer, dass sie in der Anfangszeit mit ihrem Border-Collie-Mix auch kurz davor war, das Handtuch zu werfen. Sie ist so ziemlich die Einzige in meinem Umfeld, die wirklich versteht, was mit Puppy Blues gemeint ist – und allein das hilft, auch wenn es die Nächte nicht kürzer macht.
Nachdem er sich an die Straßenbahn in Leipzig gewöhnt hat, war er für den Rest des Tages praktisch im Tiefschlaf – keine Erklärung nötig, nur die Beobachtung, dass neue Eindrücke ihn sichtbar mehr auslaugen als ein normaler Spaziergang. Wer lernt, auf solche Anzeichen zu achten – hängende Ohren, ein schwererer Gang, weniger Blickkontakt –, merkt Übermüdung oft, bevor sie im Gebiss endet.
Der Unterschied, an dem ich mich jetzt orientiere
Wenn er ruhig ankommt, sich hinlegt und auf ein Kommando reagiert, lass ich ihn einfach schlafen, so lange er will, und plane nichts drumherum. Wenn er dagegen anfängt, wahllos zu schnappen, durch die Wohnung zu rasen oder Kommandos komplett zu ignorieren, ist das für mich das Signal, sofort das Tempo rauszunehmen – Reize wegnehmen, mich langsam bewegen, keine neue Runde Spielzeug mehr. Nicht mehr Beschäftigung hilft in dem Moment, sondern weniger.
Am meisten hat mir geholfen, aufzuhören, seinen Schlaf als verlorene Zeit zu sehen. Er verpasst NICHTS, wenn er zwanzig Stunden wegtritt. Im Gegenteil, genau dann macht er gerade das, was gerade am wichtigsten ist. Und wenn du gerade neben einem Welpen sitzt, der dir das Sofa zerlegt hat und danach wie ein Stein einschläft: Das ist kein Widerspruch. Das ist der Job.