Welpe an Berührungen gewöhnen: Sanftes Training für Pfoten und die Pflege

Welpen-Pflege mit Cooperative Care: Welpe lässt sich beim Hundetraining für Anfänger die Pfoten anfassen

Während meine Nachbarin am Wochenende Konzerte im Werk 2 fotografiert und danach einfach schlafen geht, sitze ich zur gleichen Zeit auf dem kalten Boden im Bad und kämpfe mit einem fünf Kilo schweren Welpen, der lieber meine Hand anknabbert als sich die Pfoten abwischen zu lassen. Willkommen zu meinem Versuch, Welpen-Pflege und Vertrauensaufbau irgendwie unter einen Hut zu bekommen, ohne dass am Ende einer von uns beiden heult.

Dieser Kontrast beschäftigt mich gerade ziemlich: Sie kommt nach Hause und hat nichts weiter zu tun, ich dagegen stecke mitten in dieser Mischung aus Zuneigung und totaler Überforderung, die hier wohl alle Puppy Blues nennen – aber das ist nochmal ein eigenes Fass, das ich an anderer Stelle aufmache. Was inzwischen wirklich hilft, ist simpel, auch wenn es sich anfangs bescheuert anfühlt: fragen statt zwingen. Zwischen echtem Fortschritt und diesem ewigen Anfänger-Hundetraining-Gefühl liegt bei uns trotzdem ein ziemlich schmaler Grat.

Warum Pfoten-Anfassen für Welpen so ein großes Ding ist

Pfoten sind für einen Welpen keine austauschbaren Körperteile, die man mal eben durchknetet. Wird er dort gepackt statt gefragt, fühlt sich das für ihn offenbar an wie Kontrollverlust – und genau dagegen wehrt er sich mit Zähnen und ganzem Körpereinsatz. Gerade jetzt, in dieser besonders empfindlichen Phase, in der junge Hunde plötzlich wieder skeptisch werden gegenüber Dingen, die eigentlich schon okay waren, wiegt jede negative Erfahrung beim Anfassen doppelt schwer.

Bevor überhaupt irgendein Berührungstraining Sinn ergibt, muss man erst mal lesen können, wann der Welpe wirklich entspannt ist und wann er nur stillhält, weil er keine andere Wahl sieht. Zustimmung und Ablehnung an Körpersprache zu erkennen, ist eigentlich die Basis für jedes Anfassen, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Und ja, wann genau ein Welpe am empfänglichsten für neue Erfahrungen ist, hat auch mit dieser ganzen Sozialisierungsgeschichte zu tun, über die ich woanders ausführlicher schreibe.

Ab wann fange ich mit dem Berührungstraining an?

Je früher, desto entspannter läuft es meistens. So einfach ist das eigentlich. Am einfachsten klappt es bei uns übrigens nicht auf dem Sofa, sondern kurz nachdem wir am Cospudener See spazieren waren. Ein müder Welpe zappelt weniger, das ist keine Raketenwissenschaft, aber es macht einen Riesenunterschied, ob er gerade seine wilden fünf Minuten hat oder schon halb wegdöst. Wie lange so ein Spaziergang für einen Welpen dauern sollte, ohne ihn zu überfordern, behandle ich in einem eigenen Text über wie lange wir mit dem Kleinen spazieren gehen. Hier reicht die Kurzfassung: erst laufen lassen, dann in Ruhe pflegen.

Welpen-Pflege nach dem Spaziergang: nasser Welpe wird auf dem Handtuch im Flur abgetrocknet

Die Sache mit der Leberwurst und dem Kinn-Target

Mittlerweile trainieren wir anders als noch am Anfang. Bevor ich überhaupt in Richtung Pfote greife, hab ich die Tube Leberwurst schon in der Hand. Der klebrige, salzige Geruch an meinem Daumen ist inzwischen mein ständiger Begleiter, und meine Mitbewohnerin in der WG hält mich vermutlich für komplett irre, weil ich andauernd nach Fleischwurst rieche.

Hundetraining für Anfänger: Leberwurst auf dem Daumen als Belohnung beim Berührungstraining der Pfoten

Erst kommt die reine Annäherung: Hand Richtung Pfote, und wenn er ruhig bleibt, gibt's sofort Leberwurst. Dann die kurze Berührung, wirklich nur ein, zwei Sekunden, kein Festhalten, nur Kontakt. Und dann das Kinn-Target aus meinem Online-Kurs, das war für uns der eigentliche Durchbruch: Er legt seinen Kopf in meine flache Hand, und solange er das freiwillig tut, darf ich untersuchen. Nimmt er den Kopf weg, höre ich sofort auf, egal wie mitten in der Aktion ich gerade bin. Das folgt eigentlich derselben Logik, die später auch bei anderen Sachen hilft, vom Staubsauger bis zum Verkehrslärm draußen: nicht in großen Schritten denken, sondern in Sekunden: eine Pfote, zwei Sekunden Kontakt, Leckerli, fertig.

Wichtig dabei ist außerdem, dass das Leckerli im richtigen Moment kommt und nicht eine halbe Sekunde zu spät, sonst verknüpft er die Belohnung mit dem falschen Verhalten – aber wie man dieses Timing wirklich sauber hinbekommt, ist nochmal ein eigenes Kapitel für sich. Getrocknet wird er bei uns trotzdem noch nicht im Wellness-Modus: Nach einer regnerischen Runde muss ich ihn in unserem Altbau-Treppenhaus meistens sowieso tragen, damit seine Gelenke geschont werden, und genau darüber – über Welpen und Treppensteigen im Altbau – hab ich an anderer Stelle mehr geschrieben.

Vertrauensaufbau beim Welpen: Kopf liegt entspannt in der Hand beim Kinn-Target aus dem Cooperative-Care-Training

Was, wenn er zwickt oder wegrennt?

Neulich saß ich mitten in einem Online-Seminar der Uni, Laptop auf den Knien, und er hat mir unvermittelt ziemlich fest in die Wade gezwickt – ausgerechnet während eine Kommilitonin gerade ihr Referat hielt. Sowas passiert. Zwicken und Wegrennen beim Anfassen ist erstmal keine Katastrophe, sondern meistens ein Zeichen, dass man einen Schritt zu groß gemacht hat. Wie man einem Welpen generell beibringt, seine Beißkraft zu dosieren, ist ein eigenes Thema, das ich an anderer Stelle ausführlich behandle – hier reicht der Hinweis, dass es fast immer am Tempo liegt, nicht am Welpen. Dasselbe gilt übrigens, wenn er draußen wieder irgendwas vom Boden aufgesaugt hat, bevor ich eingreifen kann: Impulskontrolle ist auch nochmal eine ganz eigene Baustelle für sich.

Was bei mir überhaupt nicht funktioniert hat

Am Anfang hab ich das Internet zu wörtlich genommen: Fass deinen Welpen überall an, dann gewöhnt er sich dran. Also hab ich ihn beim Kuscheln ständig an den Pfoten rumgefummelt, einfach so, ohne Plan. Ergebnis: Er ist jedes Mal aufgesprungen und weggerannt, und ich hab mich gefragt, was ich falsch mache. Der Fehler war, dass ich den Fokus auf die Manipulation gelegt habe statt auf die freiwillige Mitarbeit.

In einer besonders verzweifelten Nacht hab ich außerdem etwas anderes ausprobiert, das mit Pfoten gar nichts zu tun hatte: Ich hab ihn allein in die abgedunkelte Küche gesperrt, weil ich dachte, wenn er oft genug allein ist, gewöhnt er sich einfach dran. Hat er nicht. Er hat eine geschlagene Stunde am Stück durchgeheult, und ich hab davor auf dem Flurboden gesessen und fast mitgeheult. Alleinbleiben-Training ist eins der Themen, bei denen es bei uns am längsten gedauert hat, das einigermaßen hinzubekommen, und diese Nacht gehört definitiv nicht zu meinen Erfolgsgeschichten.

Cooperative Care und der ganze Rest des Welpen-Chaos

Neben dem Pfoten-Thema laufen bei uns natürlich noch ungefähr zehn andere Baustellen parallel – Stubenreinheit, durchgehender Schlaf nachts, all das. Cooperative Care als Grundidee, also fragen statt zwingen, zieht sich für mich mittlerweile aber durch fast alles davon, nicht nur durchs Pflegen. Was sich seitdem am deutlichsten verändert hat: Wo er früher an der Wohnungstür schon fast ins Treppenhaus gestürmt ist, bevor ich überhaupt richtig aufgeschlossen hatte, bleibt er inzwischen einfach sitzen und schaut mich an, als würde er fragen, ob's jetzt losgeht. Kleine Sache, großer Unterschied.

Mein Fazit: kleine Schritte, große Wirkung

Meine Freunde verstehen bis heute nicht ganz, warum mich sowas wie Pfoten-Anfassen überhaupt beschäftigt. Ist doch nur ein Hund, hör ich öfter. Sie sehen aber auch nicht die Abende, an denen ich mich frage, ob ich das überhaupt kann.

Wenn du gerade mit der Bürste in der Hand vor deinem Welpen sitzt und nicht weiterweißt: Fang nicht mit der ganzen Pfote an. Fang mit einer Sekunde Kontakt an, beobachte, ob er entspannt bleibt, und hör auf, bevor er sich wehren muss. Das ist die eine Regel, die bei uns wirklich alles verändert hat – nicht wie fest man greift, sondern ob der Welpe jederzeit Nein sagen darf.