Der Mythos, der die meisten Erstlingshalterinnen abschreckt
Auf meinem Handy liegt immer noch eine Notiz mit dem Titel „Warum ich ungeeignet bin" – fünf Punkte, aufgeschrieben nach den ersten Absagen.
Keine eigene Wohnung mit Garten. Kein Vorbesitz von Hunden. Ein Studium, das mich in unregelmäßigen Blöcken verschlingt. Ich war überzeugt, dass Tierschutzvereine in Leipzig nur an Bewerberinnen aus dem Bilderbuch vermitteln – Haus, Garten, jahrelange Hundeerfahrung. Das ist der Mythos, der die meisten Erstlingshalterinnen bei der Hundesuche abschreckt, bevor sie überhaupt die erste Anfrage abschicken. Und er stimmt so nicht.
Dabei hatte ich mir das mit den 184 offenen Tabs selbst eingebrockt. Jedes Profil ein neues Schicksal – „im Wald gefunden", „Besitzer verstorben", „aus der Tötung geholt" – und jedes Mal dachte ich, dieser Hund braucht mehr, als ich geben kann. Irgendwann habe ich angefangen, aufzuschreiben, was ich über Anforderungen, Absagen und Zusagen lerne, eine Art Welpen-Tagebuch, nur ganz ohne Anspruch auf Chronologie.
184 offene Tabs als falscher Gradmesser
Die Wahrheit ist simpel und ziemlich unbequem: Die Anforderungen in den Steckbriefen sind meistens Richtwerte für den jeweiligen Hund, keine Checkliste, die über meinen Wert als Halterin entscheidet. „Nicht für Anfänger" heißt oft: Dieser bestimmte Hund braucht eine ruhige, erfahrene Halterin ohne Studentenleben nebenbei. Es heißt nicht: keine einzige Erstlingshalterin darf jemals einen Hund bekommen.
Genau das habe ich lange nicht verstanden. Ich habe jede Absage persönlich genommen, als hätte jemand meine Wohnung, mein Konto und meine Fähigkeiten als Mensch bewertet und für zu wenig befunden.
Eine Freundin von mir geht nach der Uni regelmäßig in der Boulderhalle klettern, kommt verschwitzt und zufrieden nach Hause und postet Fotos vom Gipfelgriff. Ich saß in der gleichen Zeit vor Absagen und habe mich gefragt, was an mir so offensichtlich falsch war, dass 184 Hunde lieber auf jemand anderen warteten.
Ehrlich bewerben, nicht perfekt bewerben
Bei Bewerbung Nummer 185 habe ich die Taktik gewechselt. Keine polierte Bewerbung mehr, sondern die Wahrheit: Lehramtsstudium, keine Ahnung, wie man eine Leine hält, ohne sich zu verheddern, aber bereit, alles zu lernen.
Zwei Tage später rief eine Frau vom Verein an. Kein Verhör, sondern ein echtes Gespräch: „Wir suchen jemanden mit Geduld. Er ist ein Baby, er weiß noch nichts." Ich habe in dem Gespräch mehr auf ihre Beschreibung geachtet, wie der Welpe auf fremde Menschen reagiert, wie er beim Fressen ist, ob er sich anfassen lässt, als auf das Foto, das mich ursprünglich angesprungen hatte. Hundesprache lesen zu lernen steht bei mir bis heute auf der Liste, aber schon dieser erste Versuch hat mehr gebracht als jedes hübsche Bild.
Ehrlichkeit schlägt Perfektion. Jedes Mal.
Der Autobahnrastplatz und der erste Pipi-Unfall
Der Transporter hielt an einer Autobahnraststätte, irgendwo zwischen Rumänien und Leipzig auf der letzten Etappe. Als sie mir diesen zitternden Haufen Elend in den Arm legten, war mein erster Gedanke nicht „wie süß", sondern ACH DU SCHEISSE, WAS HABE ICH GETAN. Er roch nach Angst und altem Heu und hat mich die ganze Rückfahrt über nicht einmal angeschaut.
In der Wohnung angekommen, mit sechs Kilo Welpe und drei Stockwerken ohne Aufzug in den Armen, dachte ich, das Schlimmste sei geschafft. Kaum stand er auf dem Boden, wedelte er kurz, drehte sich und pinkelte einen See auf meinen einzigen teuren Teppich.
Er hat in der ersten Nacht zweimal ins Bett gepinkelt, und an durchschlafen war sowieso nicht zu denken – beides eigene Geschichten für sich, die ich hier nicht aufdrösle. Was mir keiner vorher gesagt hat: Das Gefühl, das später den Namen Puppy Blues bekommen sollte, fühlt sich in den ersten Tagen wie Trauer an, nicht wie Glück.
Ich habe versucht, sein Kauen am Sofa mit einem Zitrusspray zu stoppen, das laut Verpackung jeden Hund abschrecken sollte. Er fand es offenbar appetitlich. Er hat danach noch entschlossener an genau der Ecke geknabbert, die ich eingesprüht hatte, und ich stand da mit der leeren Sprühflasche und wusste: Dieses eine Mal hatte ich keine Ahnung, was ich tue.
Die erste Woche ist kein Urteil über die Entscheidung
Hier liegt der zweite Mythos, der mindestens genauso viel Schaden anrichtet wie der erste: dass eine harte erste Woche beweist, dass man den falschen Hund gewählt hat. Wenn ein Welpe in den ersten Tagen jault, beißt und die Wohnung in ein Schlachtfeld verwandelt, ist das kein Zeichen von Fehlkauf oder Aggression.
Als mein Welpe plötzlich anfing, in meine Hände und Füße zu beißen, dachte ich zuerst, ich hätte einen aggressiven Hund erwischt. Er war einfach nur übermüdet und mitten im Zahnwechsel. Das Gleiche gilt für die Nächte, in denen er jault, für die Unfälle in der Wohnung, für jede Phase, in der er sich anders verhält, als ich erwartet hatte.
Genau wie ich nach zu langem Pauken für eine Klausur nicht mehr abschalten kann, wird er übermüdet zappelig statt müde. Zur Ruhe kommen musste er offenbar genauso lernen wie ich – nur dass bei ihm niemand erwartet, dass er das auf Anhieb kann.
Er hat außerdem die Angewohnheit, alles vom Boden aufzuschnappen, bevor ich überhaupt reagieren kann – ein Kapitel für sich, das ich hier nicht auswälze. Und sein Verhältnis zum Staubsauger ist nochmal eine ganz eigene Geschichte, die ich lieber nicht vertiefe.
Mein Rat an zukünftige Bewerberinnen
Zwei Dinge, wenn du gerade selbst 184 Tabs offen hast und am Verzweifeln bist. Erstens: Schreib in deine Bewerbung, was wirklich stimmt, nicht was am besten klingt. Ein guter Verein vermittelt nach Passung, nicht nach der schönsten Selbstdarstellung – und wenn eine Vermittlerin nach deinem echten Alltag fragt, WG-Küche und Vorlesungsplan inklusive, ist das ein gutes Zeichen, kein Grund zur Panik.
Zweitens: Gib einer schweren ersten Zeit nicht die Macht, über die ganze Entscheidung zu urteilen. Neulich stand er an der Haustür, hat gesessen und mich angeschaut, statt wie sonst sofort ins Treppenhaus zu stürmen. Kein Kommando, kein großer Trainingsmoment – er hat einfach gewartet, und ich habe gemerkt, dass sich seit den ersten Tagen etwas verschoben hat, auch wenn ich es nicht an einer einzigen Woche festmachen könnte.
Im Baumarkt haben wir inzwischen unsere Stammrunde – Regale, fremde Menschen, ein Rollwagen, der scheppert, alles Übungsmaterial. Dass ich heute weiß, wie man einen Welpen im Baumarkt sozialisiert, hätte ich mir bei der Hundesuche nicht träumen lassen. Genauso wenig wie einen Abend, an dem eine Freundin mich zum Klettern in die Boulderhalle einlädt und ich absage, weil er noch keine Minute allein bleiben kann, ohne zu jaulen – auch das ein eigenes Training, das noch vor uns liegt.
Am Cospudener See gehen wir inzwischen spazieren, mit einem Hund, der am Anfang jede Straßenbahn für einen Angreifer hielt. Im Online-Kurs, den ich nebenbei mache, geht es gerade um den richtigen Moment fürs Leckerli – keine Sekunde zu früh, keine zu spät –, und ich merke, wie viel Timing in dem ganzen Training steckt, das von außen nach reinem Zufall aussieht.
Abends sinkt er auf meinem Schoß in den Schlaf, und ich merke es erst daran, dass sich meine Beine irgendwann taub anfühlen, wenn ich versuche aufzustehen, um die Kaffeetasse wegzustellen. Das hat mit keinem der 184 offenen Tabs mehr zu tun und mit keinem Punkt auf meiner alten Liste. Wer gerade selbst sucht: Der Steckbrief, der dich abschreckt, meint wahrscheinlich nicht dich – und die schlimmste Nacht sagt nichts darüber aus, ob du die Richtige bist. Beides lässt sich erst zeigen, wenn du ehrlich fragst und lange genug dranbleibst, um über die ersten harten Tage hinauszukommen.