Woche 1: Zwischen Welpenglück und Weinkrampf auf der Küchentreppe

Überarbeitet

Der Lappen in meiner Hand tropft schon auf die Dielen, während ich auf allen vieren durch den Flur robbe und der nächsten Pfütze hinterherwische. Mein Tierschutzhund beobachtet mich dabei vom Türrahmen aus, Kopf schief gelegt, als wäre ich die Attraktion des Abends. Willkommen in Woche 1 – der Teil meines Lebens, den mir vorher niemand ehrlich beschrieben hat, und den halb Leipzig vermutlich unter Puppy Blues einsortieren würde.

Kurzer Break für Transparenz, bevor es weitergeht: Ich verlinke in diesem Text zwei Online-Kurse, die mir gerade helfen, nicht komplett den Verstand zu verlieren. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, an deinem Preis ändert sich nichts. Empfohlen wird hier nur, was ich selbst nachts um drei durchklicke, wenn ich sowieso wach liege.

FERTIG bin ich. Total.

Ignorieren gegen Dableiben: Was in Woche 1 nachts wirklich half

Bevor er da war, dachte ich, ich wäre vorbereitet. Ich habe mein Staatsexamen in Sichtweite, ich kann nächtelang durchlernen, ich kann mit Druck umgehen. Ein Welpe hat mir gezeigt, wie falsch das war – der Unterschied zwischen einer durchlernten Nacht und einer durchgejaulten Nacht ist ungefähr der Unterschied zwischen Stress und Panik.

In einem Forum stand: Ignorier das Jaulen einfach, da muss er durch. Drei Nächte lang habe ich genau das gemacht – Tür zu, Kopfhörer auf, durchhalten. Es wurde nicht besser. Es wurde schlimmer. Er hat sich so reingesteigert, dass er kaum noch Luft bekam, und ich saß davor und wusste nicht, ob ich die Nottierärztin anrufen oder mich einfach für eine schlechte Hundemutter halten soll.

Ab der vierten Nacht habe ich es umgedreht: dageblieben, ruhig auf dem Boden gesessen, nichts gemacht außer da sein. Kein Spielen, kein Trösten mit Stimme, nur Präsenz. Nebenbei übe ich gerade, auf seine Ohren und sein Gähnen zu achten – bevor er komplett eskaliert, kündigt sich das an, wenn man weiß, worauf man schauen muss.

Und dann, an einem dieser Morgen, ist es passiert, ganz ohne Ankündigung: Ich bin aufgewacht, weil durch das hohe Fenster zum Hof schon Licht reinkam, nicht weil irgendwo gejault wurde. Er lag einfach neben dem Bett, zusammengerollt, komplett still. Die ganze Nacht durch. Keine Ahnung, ob das Zufall war oder der Anfang von etwas – aber in diesem Moment hätte ich fast geheult, diesmal aus dem anderen Grund.

Tagsüber ist er auf eine andere Art anstrengend. Übermüdet hackt er mit den Milchzähnen nach meinen Fingern, und ich merke: Er ist dann nicht böse, er ist einfach zu wach für sein eigenes System und kommt ohne Hilfe nicht mehr runter.

Kissenfüllung, Fernbedienungsteile, nasse Bettdecke: die Schadensliste dieser Woche

Montagabend ist es das erste Mal passiert. Wir lagen im Bett – ja, ich weiß, keine Hunde im Bett, aber er hat so gejammert und ich war zu schwach –, und plötzlich wurde es warm an meinem Bein. Er hat einfach laufen lassen, während er mich dabei angeschaut hat. Ich habe alles abgezogen, Waschmaschine an, Ersatzbezug drauf. Zehn Minuten später macht er es nochmal. Ich stand danach im Flur, auf den knarzenden Dielen, mit einer nassen Bettdecke im Arm und keiner sauberen mehr im Schrank. Was mir seitdem hilft, habe ich hier aufgeschrieben: Welpe pinkelt ins Bett: Was tun gegen nächtliche Unfälle?

Auf der Küchentreppe zum Abstellraum habe ich danach eine Weile gesessen – eng, kalt, genau da, wo ich lande, wenn im Rest der Wohnung zu viel los ist. In dem Moment kannte ich das Wort für das, was mit mir passierte, noch nicht. Heute weiß ich: Das nennt sich Puppy Blues, und es ist offenbar kein Ausnahmezustand, sondern fast schon normal in Woche 1.

Nacht eins hatte übrigens schon vorgelegt. Da war es das Kissen – das handbestickte, extra für die neue Wohnung gekauft. Ich war fünfzig Minuten weg, um mich für ein Seminar anzumelden, drei Stockwerke Altbautreppe in Gohlis rauf und runter, ohne Aufzug – kurzes Alleinsein übe ich seitdem lieber in Mini-Etappen statt gleich mit einem ganzen Termin. Als ich zurückkam, lag die Füllung wie Schnee über dem halben Wohnzimmer, und er saß mittendrin und hat noch welche vom Boden gefressen, bevor ich überhaupt reagieren konnte – seitdem üben wir ein Abbruchsignal, bevor irgendwas Kleines im Mund verschwindet, das da nicht hingehört. Falls du gerade auch vor Trümmern stehst: Welpe kaut alles an: 5 Soforthilfe-Tipps gegen zerstörte Möbel und Kissen hat mir wenigstens ein bisschen Struktur gegeben.

Die Fernbedienung hat es am Mittwoch erwischt. Zwei Minuten lag sie auf dem Sofa, während ich Tee geholt habe, und als ich zurückkam, war sie in drei Teile zerlegt, die Batterien unter dem Sofa verstreut. ER HAT SCHON WIEDER ETWAS ZERLEGT, das ich fünf Minuten vorher noch benutzt hatte. Der Staubsauger, mit dem ich danach die Kissenreste wegsaugen musste, hat ihn fast aus der Wohnung katapultiert, und an das Geräusch gewöhnen wir ihn seitdem nur noch in kleinen Dosen.

Nele klebt Zettel, Tamara schreibt um zehn zurück

Meine Mitbewohnerin Nele hat diese Woche vermutlich keine einzige Nacht durchgeschlafen, und trotzdem beschwert sie sich nie direkt. Stattdessen klebt sie Post-its an die Badtür – heute Morgen stand da nur: „Alles ok bei euch?? 3 Uhr???" Ich finde das fast rührender als ein Gespräch, auch wenn mir jedes Mal kurz der Magen zusammenzieht.

Verstanden fühle ich mich eher im Kurs-Chat. Tamara, eine andere Teilnehmerin, die ich dort kennengelernt habe, schreibt fast jeden Abend zwischen zehn und elf – meistens genau dann, wenn ich selbst mit dem Handy im Bett liege und auf das nächste Jaulen warte. Ihr Pudelmix ist ein paar Wochen weiter als meiner, und wenn sie schreibt, dass es bei ihr inzwischen ruhigere Nächte gibt, ist das für mich gerade der greifbarste Beweis, dass diese Phase tatsächlich vorbeigeht – nicht irgendeine Zahl, sondern jemand, der wirklich daneben sitzt wie ich.

An Sozialisieren im klassischen Sinn – Baumarkt, Café, fremde Menschen streicheln lassen – ist bei uns diese Woche noch gar nicht zu denken, dafür ist gerade zu viel anderes Baustelle. Zwischen zwei Hausarbeits-Absätzen und einer abblätternden Stuckecke über meinem Schreibtisch reicht die Konzentration kaum für den Grundriss der eigenen Wohnung.

Was mir gerade hilft, ohne dass ich es dir schönreden will

Ein Kurs, den ich gebucht habe, als ich bereit war, fast jeden Preis zu zahlen, damit mir jemand hilft, ist Lass das Glück einziehen von Mirjam Cordt. Der Fokus liegt nicht nur auf Sitz und Platz, sondern auch auf genau diesem Gefühl von Überforderung – und darauf, wie ich ihn timen muss, wenn ich ihn für etwas Ruhiges belohnen will, statt aus Versehen das falsche Verhalten zu verstärken.

Der Preis von rund 319 Dollar hat mich als Studentin erstmal schlucken lassen, das ist ein ordentlicher Batzen meiner Miete. Aber das Modul über die ersten Tage und die Überforderung war das erste Mal seit Tagen, dass ich beim Zuschauen tief durchgeatmet habe.

Für den schmaleren Geldbeutel gibt es daneben die Online Hundeschule Welpenkurs mit 57 Lektionen – die nutze ich eher als Nachschlagewerk für Einzelfragen, nicht als komplettes Programm.

Wenn ich aus dieser Woche eine Regel mitnehme, dann die: kurzes, ruhiges Quengeln lasse ich inzwischen ein paar Sekunden stehen, bevor ich reagiere, damit ich nicht jedes Piepsen sofort belohne. Sobald sich das Jaulen aber überschlägt und er kaum noch Luft bekommt, gehe ich sofort hin. Ignorieren und Dableiben schließen sich nicht aus – sie kommen einfach zu unterschiedlichen Zeitpunkten zum Einsatz.

Falls dir das alles gerade genauso über den Kopf wächst: Hier kannst du dir anschauen, ob der Kurs auch für dich passen könnte. Er ist teuer, keine Frage, aber er hat mir geholfen, diese Woche zu überstehen, ohne beim Tierschutzverein anzurufen und zu fragen, ob eine Rückgabe geht.

Morgen ist wieder ein neuer Versuch. Vielleicht mit weniger Pipi im Bett, vielleicht nicht. Drück mir die Daumen – ich geh jetzt versuchen, wenigstens zwei Stunden am Stück zu schlafen, bevor um halb sechs irgendwo im Flur das Gummispielzeug quietscht.