
Unser Welpe hatte gerade meine Hand ganz sanft im Maul, testete nur, wie viel Druck erlaubt ist, als es klingelte und Besuch vor der Tür stand. Für eine halbe Sekunde hielt er inne, als würde er selbst abwägen: weiterknabbern oder Action. Dann hatte er sich die Leine, die neben seinem Kissen lag, schon selbst geschnappt und schoss bellend Richtung Flur, als würde gerade jemand einbrechen.
Willkommen in unserem ganz normalen Leipziger Welpenalltag, wenn Besuch klingelt: Kissen, Leine, Zähne, Chaos, in dieser Reihenfolge. Am Connewitzer Kreuz, wo bei uns gefühlt ständig jemand vor der Tür steht, hat mich das in den ersten Wochen fast in den Wahnsinn getrieben – dieser Puppy-Blues, von dem niemand in meinem Freundeskreis wirklich eine Ahnung hat, wird nirgends so sichtbar wie in dem Moment, in dem die Klingel geht und man weiß: gleich wird es laut.
Zwei Wege, wie unser Welpe Besuch empfängt
Grundsätzlich gibt es bei uns zwei Reaktionsmuster, wenn Besuch kommt, und im Rahmen unseres Welpentrainings habe ich inzwischen beide ziemlich ausführlich getestet.
Variante eins: den Welpen einfach machen lassen oder ihn anschreien, in der Hoffnung, dass sich die Aufregung von selbst legt. Variante zwei: ihm von der ersten Sekunde an eine klare Aufgabe geben, bevor überhaupt Chaos entstehen kann.

Ignorieren funktioniert nicht immer
Bei uns hat Variante eins zuverlässig nicht funktioniert. Wenn ich selbst hektisch zur Tür gerannt bin und „NEIN, AUS, PFUI" gerufen habe, hat er das offenbar als Zustimmung verstanden. Noch mehr Bellen, noch mehr Springen. RIESEN PARTY für ihn.
Vorher hatte ich außerdem mit Zitrusspray experimentiert, weil irgendwo stand, der Geruch würde Hunde vom Sofa fernhalten. Bei unserem Welpen wirkte das eher wie eine Essenseinladung – keine Ahnung, was in dem Spray drin war, das ihm so gut geschmeckt hat, aber vom Sofa ferngehalten hat es ihn jedenfalls nicht.
Dass er nebenbei auch noch lernen muss, wie fest zubeißen überhaupt in Ordnung ist, ist nochmal ein eigenes Thema, das ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben habe.
Auch an das Klingelgeräusch selbst mussten wir uns erst in kleinen Schritten gewöhnen, aber auch das gehört auf ein anderes Blatt.
Stationstraining einführen
Variante zwei sieht komplett anders aus. Statt an der Tür die Kontrolle zu verlieren, bekommt der Welpe eine feste Aufgabe: auf seinem Kissen bleiben, während der Besuch sich erstmal hinsetzt und ihn – so schwer das fällt – komplett ignoriert.
Getestet habe ich das mit einem Kumpel aus meinem Seminar, der sonst fast jede freie Minute in der Boulderhalle hängt und entsprechend Geduld für stures Wiederholen mitbringt. Er wusste Bescheid: nicht anschauen, nicht ansprechen, komplett ignorieren, egal wie sehr der Welpe an ihm hochspringt. Bevor überhaupt geklingelt hat, stand schon eine kleine Dose Leberwurst-Leckerlis bereit, nichts Trockenes, es musste das Highlight-Futter sein. Drinnen hatte der Welpe die Leine an, nicht zur Strafe, sondern damit er meinen Kumpel nicht wie ein Kauspielzeug behandelt. Und jedes Mal, wenn er sich von selbst Richtung Kissen bewegt hat, gab es sofort dickes Lob.
Wie man das Timing beim Belohnen wirklich sauber hinbekommt, ist übrigens eine eigene Wissenschaft für sich. Fürs Erste reicht: loben, sobald die vier Pfoten Richtung Kissen zeigen, nicht erst danach.
Nach ein paar Minuten Dauerignorieren hat sich der Welpe seufzend aufs Kissen fallen lassen. Genau in dem Moment gab es einen Kauartikel. Mein Kumpel konnte in Ruhe seinen Kaffee trinken, und die Wohnung stand noch.

Wann sich welche Strategie lohnt
Variante eins lohnt sich aus meiner Erfahrung so gut wie nie, höchstens für die zehn Sekunden, in denen jemand nur ein Paket abgibt und niemand Zeit für Training hat. Sobald der Besuch länger bleibt, isst, redet, ist Stationstraining die bessere Wahl. Eine klare Aufgabe wirkt zuverlässiger als jedes Anschreien.
Dabei achte ich inzwischen genauer auf seine Signale, bevor ich überhaupt entscheide, welche Variante gerade dran ist. Wer mehr über Körpersprache beim Hund lernen wissen will, findet dazu einen eigenen Text von mir. Hinter dem ganzen Stationstraining steckt sowieso vor allem Impulskontrolle, ein Dauerthema, das weit über Besuchssituationen hinausgeht.
Besuch ist für unseren Welpen nämlich auch ein Ruhe-Killer, und ich musste erst lernen, Gästebesuche überhaupt in seinen Ruheplan einzubauen, sonst kippt er abends komplett um. Was danach kommt, wenn der Besuch wieder geht und er plötzlich allein in der Wohnung klarkommen muss, ist nochmal ein eigenes Kapitel. Genauso, dass er sich vor Aufregung ab und zu noch in die Hose macht. Gestern erst, als der Postbote kam, gab es einen kleinen Pfützen-Moment im Flur. Ob er nachts überhaupt gut durchschläft, hat mit alldem sowieso nichts zu tun, das ist seine eigene Baustelle.
Dass Menschenbesuch für ihn gerade besonders zählt, weil er noch mitten in der Phase steckt, in der neue Gesichter kennenzulernen wichtig ist, macht die Entscheidung zusätzlich dringend, auch wenn ich hier nicht im Detail draufeingehen will. Für mich bleibt eine einfache Regel: kurzer Kontakt, kein Training nötig, Variante eins reicht. Bleibt jemand länger, ist Stationstraining fast immer die bessere Entscheidung, auch wenn es nervt, dass ausgerechnet ich als Gastgeberin diejenige sein muss, die alle bittet, den Hund erstmal zu ignorieren.
Perfekt ist bei uns nichts von alledem. Aber inzwischen weiß ich wenigstens, welche der beiden Varianten ich beim nächsten Klingeln greife, und das macht diesen speziellen Leipziger Welpenalltag mit seinen Puppy-Blues-Tagen ein kleines Stück leichter.