
Der eine Welpe liegt einfach da und schaut mich nur an, während ich tippe. Der andere springt hoch, bellt einmal scharf und stupst mit der feuchten Nase gegen mein Knie, bis ich den Ball werfe. Das Verrückte: Es ist derselbe Hund, nur fünf Wochen auseinander. Dazwischen liegt so ziemlich alles, was mir zum Thema Welpenerziehung nie in einem Ratgeber stand, Puppy Blues, ein Online-Welpenkurs, und die Erkenntnis, dass ein Welpe, der ständig Aufmerksamkeit fordert, nicht frech ist, sondern ratlos.
Fünf Kilo Kampfgeist aus dem Tierschutz, mitten in mein WG-Leben und meine halbfertige Hausarbeit fürs Lehramtsstudium. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Meine Mitbewohnerin Nele klebt mittlerweile Post-its an die Badezimmertür, wenn das Bellen sie wieder um den Verstand gebracht hat, und mein Freundeskreis schickt Herz-Emojis unter Fotos von ihm beim Schlafen. Niemand außer den Leuten aus meinem Online-Welpenkurs versteht, was Puppy Blues bedeutet, wenn der Welpe gerade zum dritten Mal in einer Stunde bellend vor einem steht.
Wuff, Stups, Wuff, wenn ein Welpe ständig Aufmerksamkeit fordert
Sobald ich mich an den Laptop setze, geht es los: Wuff. Stups. Wuff. Er will Aufmerksamkeit, und zwar sofort. Schaue ich ihn an, hüpft er aufgeregt im Kreis. Sage ich „Nein", hält er das für ein neues Spiel. Alle um mich herum raten dasselbe: einfach ignorieren. Als hätte das je bei irgendjemandem funktioniert.

Warum wurde alles schlimmer, wenn ich ihn ignoriert habe?
An einem Abend habe ich es konsequent durchgezogen. Er bellte, ich starrte an die Wand. Er stupste, ich blieb wie versteinert. Keine drei Minuten später hat er sich in einen Zustand reingebellt, den ich nur als KOMPLETT DURCHGEDREHT beschreiben kann, und ich hatte ernsthaft Angst, dass gleich jemand ans Fenster klopft.
Im Online-Welpenkurs habe ich danach gelernt, dass Ignorieren bei einem so jungen Welpen oft das Gegenteil bewirkt. Er versteht nicht, warum die Kommunikation plötzlich abbricht, und rutscht in einen Stresszustand, aus dem er allein nicht mehr rauskommt. Bellen ist für ihn in solchen Momenten kein Ungehorsam, sondern der einzige Hebel, den er kennt.
Was mir dabei auch klar wurde: Er war an diesem Abend schon viel zu lange wach gewesen, weil ich dachte, ich müsste ihn erst richtig auslasten, bevor er zur Ruhe kommt.
Das Gegenteil war der Fall.
Aktives Nichtstun belohnen statt Dauerbespaßung
Seitdem drehe ich den Spieß um. Liegt er einfach irgendwo, ohne dass ich ihn dazu aufgefordert habe, gibt es ein Markerwort und ein Leckerli aus meiner Hoodie-Tasche. Klingt paradox, wirkt aber. Dafür musste ich ihm zuerst das Bleib Kommando beibringen, damit „auf dem Platz liegen" für ihn kein Hausarrest ist, sondern eine Pause.

Wir sind jetzt in Woche fünf, und letzte Woche ist im Rosenthal-Park etwas passiert, das ich mir vorher nicht hätte träumen lassen: Mitten auf dem Kiesweg hat er sich einfach hingesetzt, ohne Leckerli in meiner Hand, ohne dass ich ein Wort gesagt habe. Ich bin stehen geblieben und habe ihn nur angeschaut, weil ich nicht glauben konnte, dass ausgerechnet diese Portion Selbstbeherrschung von ihm kommt.
Was bei uns komplett in die Hose ging: laut „Nein" rufen, wenn er beim Anstupsen anfängt, an meiner Hand zu kauen. Ich habe es wochenlang probiert, lauter, ruhiger, mit erhobenem Finger. Es hat schlicht nichts gebracht. Er hat es als Aufforderung zum Weitermachen verstanden. Erst als ich aufgehört habe, überhaupt zu reagieren und stattdessen meine Hand ruhig weggezogen habe, wurde daraus langsam etwas Kontrollierbares.
Als ich das Ganze im Gruppenchat unseres Kurses gepostet hatte, kurz vorm Ausrasten, hat mir Tamara geantwortet, die selbst einen Pudelmix hat und ein paar Wochen weiter ist als ich. Keine Panikmache, keine Standardfloskel, einfach ein „Klingt normal, das legt sich", das mich runtergebracht hat, ohne mein Problem kleinzureden.
Grenzen setzen ist kein Verrat am Tierschutzhund
Gestern Abend habe ich zwei Seiten meiner Hausarbeit geschrieben, während er ruhig in seinem Körbchen lag. Keine zerkaute Ärmelkante, kein Bellen. Auch nachts ist es inzwischen leiser geworden, seit ich sein Schlafplatz-Thema angegangen bin; falls dich das auch beschäftigt, dazu habe ich extra aufgeschrieben, wie wir es hinbekommen haben, dass der Welpe nicht im eigenen Bett schlafen wollte.
Rückschläge gibt es noch genug. Letzte Woche ist bei Besuch wieder komplett die Hutschnur geplatzt, und da hat weder Keks noch Ignorieren geholfen. Aber die Nächte auf der Treppe werden seltener. Was bei uns hängen geblieben ist: Bellen und Stupsen sind bei einem Welpen fast nie Provokation, sondern ein Ruf nach Struktur. Wer das ernst nimmt, statt nur lauter zurückzurufen, kommt schneller zur Ruhe als mit jedem Trick, den man online findet.