
Der Welpe schießt am Cospudener See schnurstracks Richtung Wasser, mitten durch eine aufgeschreckte Schar Enten, und mein Rückruf verhallt irgendwo zwischen Wind und Wellen, als hätte ich überhaupt keinen Ton von mir gegeben. „Rückruf üben“ heißt eben nicht, den Namen zu brüllen, bis die Stimme wegbricht. Das lerne ich gerade auf die harte Tour. Kein anderer Teil vom Welpentraining bringt mich so oft an meine Grenzen wie genau dieses eine Kommando.
Zwischen dem Wort, das er kennt, und dem Wort, das ihn wirklich stoppt, liegt ein himmelweiter Unterschied. Diesen Unterschied musste ich erst begreifen, bevor beim Rückruf überhaupt irgendetwas funktioniert hat.
Andere trainieren ihren Rückruf mitten im Clara-Zetkin-Park, zwischen Radfahrern, Grillrauch und jeder Menge anderer Hunde. Bei uns hat sich der Cospudener See als der bessere Übungsplatz erwiesen — unter der Woche bleiben dort genug ruhige Ecken übrig, um die Ablenkung Schritt für Schritt zu steigern.
Rückruf ist kein Abbruchsignal
Rückruf und Abbruchsignal werden im Alltag gern verwechselt, sind aber zwei verschiedene Werkzeuge. Ein Abbruchsignal unterbricht nur, was gerade passiert — der Welpe hört auf zu schnüffeln oder zu bellen, bleibt aber ungefähr da, wo er ist. Der Rückruf verlangt echte Impulskontrolle mitten in einer Ablenkung, ein größeres Thema für sich, das ich hier nur kurz anreiße. Für mich zählt vor allem, dass er aus vollem Lauf heraus die Kurve zu mir kriegt, nicht nur kurz innehält.
Der Name ist das Problem, wenn er gleichzeitig der Rückruf sein soll. Ich benutze den Namen meines Welpen den ganzen Tag, für alles Mögliche, wichtig und belanglos, gut und schlecht. Dadurch wird er zu einem Hintergrundgeräusch, das er getrost ignorieren kann, sobald etwas Spannenderes lockt. Der Rückruf braucht dagegen ein Signal, das NUR eine einzige Bedeutung hat: sofort umdrehen, sofort zu mir.
Deshalb rufe ich seinen Namen nicht mehr, wenn ich will, dass er zu mir kommt. Genau das habe ich in meinem Online-Welpenkurs gelernt, und es hat sich angefühlt wie eine kleine Rebellion gegen alles, was ich vorher über Hundetraining zu wissen glaubte.
Rückruf üben: vom Flur bis zum Cospudener See in drei Stufen
Stufe eins läuft komplett drinnen, ohne jede Ablenkung — nur der Flur, ich, und ein Stückchen Leberwurst. Ein Pfiff, sofort Belohnung, wieder und wieder, bis er bei dem Ton den Kopf zu mir dreht, bevor er überhaupt nachdenkt.
Für dieses Signal hab ich mich für eine Hundepfeife entschieden, ganz bewusst statt für meine eigene Stimme. Sie klingt immer gleich, egal wie genervt, gestresst oder aufgelöst ich gerade bin, und genau diese Neutralität macht es für ihn leichter, das Signal von allem anderen Gerede um ihn herum zu unterscheiden.
Stufe zwei zieht in den Hausflur und später in den Innenhof um, mit etwas mehr Trubel und einer Schleppleine von etwa fünf Metern Länge als Sicherheitsnetz — lang genug für echte Bewegungsfreiheit, kurz genug, um in der Stadt nicht ständig in fremden Fahrrädern oder anderen Hunden hängen zu bleiben.
Am Cospudener See findet schließlich Stufe drei statt, mit Enten, Joggern, anderen Hunden und einem Welpen, der auf einmal viel mehr zu verlieren hat als drinnen im Flur. Klappt der Rückruf dort zuverlässig, klappt er fast überall.
Welche Belohnung reicht für den Rückruf wirklich aus?
Nicht jedes Leckerli verdient denselben Stellenwert, und genau da liegt der nächste Denkfehler, den viele machen, mich eingeschlossen. Ich hab an anderer Stelle schon mal über Erziehung-Grundlagen geschrieben, aber für den Rückruf gilt eine eigene Regel: Es braucht die höchste Belohnungsstufe, die ich überhaupt zu bieten habe, sonst verliert das Kommando gegen jede Ablenkung ringsum.
Bei uns war das lange Zeit die kalte, klebrige Leberwurst zwischen den Fingern, weil normales Trockenfutter für diesen einen Moment schlicht nicht reicht. Der eigentliche Trick ist nicht das Leckerli selbst, sondern dass es NUR für den Rückruf reserviert bleibt, für nichts anderes im Alltag.
Ein Rat, der überhaupt nicht geholfen hat
Bevor ich das mit den Trainingsstufen kapiert hatte, hab ich im WG-Forum unserer Uni um Rat gefragt, weil ich nachts wach lag und mir sicher war, komplett zu versagen. Die einzige Antwort, die ankam, war ein lapidares „gib ihn doch einfach zurück“, als wäre das eine ernstgemeinte Trainingsstrategie.
Genutzt hat mir das gar nichts außer einem zusätzlichen schlechten Gewissen obendrauf.
Lauter rufen hat übrigens genauso wenig gebracht — meine hysterische Stimme hat ihn eher zusätzlich aufgeregt, statt ihn zu erden.
Woran erkenne ich, dass der Rückruf wirklich sitzt?
Ob der Rückruf wirklich sitzt, merke ich inzwischen nicht am Cospudener See, sondern ausgerechnet an der Haustür. Neulich bleibt er dort auf einmal von selbst sitzen und schaut zu mir hoch, statt wie sonst kopfüber die Treppen runterzustürmen, sobald die Tür einen Spalt offensteht. Kein Pfiff, kein Leckerli in Sicht, nur ein Welpe, der offenbar gerade selbst entschieden hat, dass Warten die bessere Option ist.
Meine Nachbarin Klara aus dem zweiten Stock, die selbst einen Labrador hat, klopft manchmal nachts an, wenn bei uns zu lange gejault wird — nie vorwurfsvoll, eher mit einem verständnisvollen Schulterzucken. Der Moment an der Haustür fühlt sich seitdem wie ein kleiner Ausgleich dafür an, dass wir ihr sonst öfter mal den Schlaf klauen.
Rückruf ist nur ein Baustein von vielen
Rückruf ist gerade mein großes Thema, aber er ist natürlich nur ein Baustein von vielen anderen Baustellen gleichzeitig. Während ich hier über Pfiffe und Leberwurst schreibe, jault er nachts noch nicht komplett durch, was ein eigenes Kapitel für sich ist, und tagsüber übe ich parallel, dass er beim Spielen nicht mehr so fest in meine Hand beißt.
Stubenreinheit ist bei uns inzwischen ziemlich stabil, aber das war ein eigener Kampf, genau wie das erste vorsichtige Alleinebleiben für ein paar Minuten in der Küche. Dazu kommt die Welpen-Sozialisierung in Baumärkten und Cafés, das Lesen seiner Körpersprache, wenn ihm gerade alles zu viel wird, das langsame Gewöhnen an laute Geräusche wie den Staubsauger, und das Erkennen, wann er einfach nur übermüdet ist und zur Ruhe kommen muss, statt noch eine Runde zu drehen.
Über all dem schwebt weiterhin der Puppy-Blues, von dem in meinem Freundeskreis kaum jemand eine Ahnung hat, wie anstrengend er sich anfühlt. Meine beste Freundin Carolin aus der Heimat fragt bei jedem Anruf zuerst nach dem Welpen und dann erst nach mir, was mich jedes Mal zwischen Rühren und Augenrollen schwanken lässt. Für mein Puppy-Blues-Tagebuch war der Rückruf bisher trotzdem das Thema, bei dem sich am meisten bewegt hat.
Wenn ich nur eine einzige Sache mitgeben könnte: Trennt das Wort für Aufmerksamkeit vom Wort für den Rückruf, so konsequent es geht, und reserviert die beste Belohnung, die ihr habt, ausschließlich für diesen einen Moment. Der Rest ist Wiederholung, Geduld und ziemlich viele Runden am Wasser.