
Er blieb stehen, senkte den Kopf zum Boden und fraß. Kein Zögern, kein Probe-Schnüffeln, einfach direkt rein damit. Mein Tierschutzhund, gerade vierzehn Wochen alt, hatte sich mitten im Clara-Zetkin-Park über einen fremden Kothaufen hergemacht, als wäre es das beste Essen seines kurzen Lebens. GENAU DAS ist der Moment, an dem einem klar wird: Welpenerziehung ist nicht das, was in den bunten Ratgebern steht. Und Puppy Blues besteht nicht nur aus Schlafmangel und zerkauten Kissen, sondern manchmal eben auch aus purem, nacktem Ekel.
Die Küchentreppe kennt mittlerweile jede meiner Krisen
Zuhause angekommen, wollte ich nur noch meine Hände waschen. Zehnmal am besten. Er kam mir danach freudig entgegen, wollte mich begrüßen, und dieser Würgereiz kam so plötzlich, dass ich nicht anders konnte – ich bin auf die Küchentreppe geflüchtet und hab dort erst mal eine Runde geheult.
Mein WG-Umfeld versteht das sowieso nicht richtig. Nele, meine Mitbewohnerin, hat mit Hunden nicht viel am Hut – an dem Abend war sie sowieso im Halle-Modus, weil ihr Freund fast jedes Wochenende rüberkommt, für ausführliche Krisensitzungen blieb also wenig Zeit. Wenn ich versuche zu erklären, was Puppy Blues wirklich bedeutet, kommt meistens nur ein mitleidiges "Aber er ist doch süß".
Ist er auch – wenn er schläft.
Wenn er aber gerade Kot gefressen hat, fühle ich mich wie die schlechteste Hundehalterin der Stadt. Ich hab die Frage irgendwann nachts um halb zwölf in den Chat unseres Online-Welpenkurses geworfen, mit drei Ausrufezeichen und ziemlich viel Panik.
Tamara war sofort da – sie ist im Kurs schon drei Wochen weiter mit ihrem Pudelmix und hat diese Art, Panikfragen runterzuregeln, ohne sie kleinzureden. "Ekelig, ja", schrieb sie. "Aber kein Drama. Lass uns das zusammen angucken." Das hat in dem Moment mehr geholfen als jeder Ratgeber.

Warum frisst er das überhaupt?
Im Kurs hab ich dann gelernt, dass das Ganze einen eigenen Fachbegriff hat: Koprophagie. Klingt nach einer griechischen Tragödie, ist aber ziemlich häufig – was es im ersten Moment trotzdem nicht weniger eklig macht.
Welpen erkunden ihre Welt nun mal mit dem Maul. Alles wird erst mal probiert, ungefähr wie bei Kleinkindern, die sich Sand in den Mund stecken – nur dass Sand wenigstens nicht riecht, wie es riecht. Neugier ist also ein Teil der Erklärung.
Nicht der ganze Teil allerdings. Bei meinem Kleinen kommt dazu, dass er aus dem Tierschutz stammt und ich schlicht nicht weiß, was er vorher zu fressen bekommen hat. Im Kurs wurde erwähnt, dass ein Mangel – etwa an Vitamin B12 – eine Rolle spielen kann, warum manche Welpen anfangen, nach anderen Quellen zu suchen. Genauer wollte ich das gar nicht wissen – die bloße Vorstellung reichte mir schon.
Hundegesundheit im Napf: mein Nährstoff-Verdacht
Standardfutter aus dem Supermarkt, dachte ich lange, tut es schon. Vielleicht stimmt das nicht ganz. Wenn im Napf nicht alles drin ist, was ein wachsender Körper braucht, sucht er sich den Rest eben im Park – das leuchtet mir mittlerweile ein, auch ohne dass ich die Biologie dahinter im Detail verstehe.
Ich achte seither genauer auf die Zutatenliste. Hochwertiges Protein, wenig unnötiger Füllstoff, und ich beobachte, ob sich überhaupt etwas ändert. Schnelle Wunder gibt's dabei keine, aber ein bisschen sicherer fühle ich mich schon.

Das Ganze hat übrigens auch mit Impulskontrolle zu tun – warum er überhaupt zugreift, bevor er nachdenkt – aber das ist nochmal ein eigenes Thema für sich, das würde hier zu weit führen. Wenn ich gestresst bin, weil eigentlich ein Text fürs Lehramts-Seminar ansteht und er gleichzeitig volle Aufmerksamkeit will, wird er selbst unruhiger – ein Teufelskreis, der mich an die Angstphasen beim Welpen erinnert, über die ich an anderer Stelle schon geschrieben habe.
Vom Jaulen ignorieren zum ersten Durchschlafen
Nächte waren lange das größere Problem als der Park. Irgendwo hatte ich aufgeschnappt, man solle das Jaulen einfach ignorieren, dann gewöhne sich der Welpe von selbst ans Alleinsein im Zimmer. Nach drei Nächten war es schlimmer statt besser – er hat länger gejault, nicht kürzer, und ich lag wach und hab mich gefragt, was ich falsch mache.
In der achten Woche dann, ganz ohne großes Ereignis: Ich bin morgens aufgewacht, und er lag einfach ruhig neben dem Bett, hatte die ganze Nacht kein einziges Mal gejault. Ich hab eine Sekunde gebraucht, um zu begreifen, dass ich zum ersten Mal seit seinem Einzug wirklich durchgeschlafen hatte.
Was am Ende geholfen hat, war eher das Gegenteil vom Ignorieren – ihm langsam zu zeigen, dass ich in der Nähe bleibe, auch wenn ich nicht sofort komme. Das hat im Kern viel mit dem zu tun, worüber man auch beim Thema Alleinbleiben-Training spricht, nur eben nachts statt tagsüber.
Wir stellen jetzt lieber auf Management um
Ich kann schließlich nicht ewig auf der Küchentreppe sitzen und warten, dass sich das Problem von allein löst. Seit etwa drei Wochen ziehen wir deshalb ein paar Dinge konsequent durch.
Die Schleppleine ist inzwischen mein wichtigstes Werkzeug im Clara-Zetkin-Park – damit habe ich ihn besser im Blick und kann eingreifen, bevor die Nase überhaupt im Haufen verschwindet. Dazu kommt das Tauschgeschäft: Sobald er etwas Verdächtiges anpeilt, halte ich ihm ein Stück Leberwurst hin, und der Tausch seines Lebens gewinnt fast immer gegen den Fund am Boden. Beim Futter schaue ich inzwischen genauer hin als früher, und wenn es doch passiert – und ja, letzte Woche ist es noch mal passiert – atme ich tief durch, sage nichts, und gehe einfach weiter.
Management kommt bei uns inzwischen vor dem eigentlichen Training. Erst die Situation entschärfen, dann in Ruhe üben – das hat sich als der einzige Weg herausgestellt, der überhaupt funktioniert, wenn ich gleichzeitig noch für die Uni lesen muss.

Bringt Schimpfen überhaupt etwas?
Wer laut "Pfui" oder "Nein" brüllt, sobald der Welpe etwas Verbotenes im Maul hat, bringt ihm damit oft nur bei, entweder besonders schnell zu schlucken oder die ganze Situation mit Aufmerksamkeit zu verknüpfen – auch wenn die Aufmerksamkeit negativ gemeint war.
Wir üben inzwischen lieber, dass er mir Dinge zeigt statt sie sofort zu inhalieren – klappt noch nicht zuverlässig, aber öfter als vor ein paar Wochen. Die Fernbedienung zum Beispiel hatte er letzte Woche im Maul, ließ sie aber los, sobald ich ihm etwas anderes zum Kauen angeboten habe.
Manchmal fühle ich mich dabei ziemlich beobachtet von den anderen Hundehalterinnen im Park, die scheinbar alle perfekt erzogene Hunde an der Leine haben. Gegen die ungefragten Tipps, die man dabei kassiert, wehre ich mich inzwischen wenigstens ein bisschen. Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte mit, und meiner eben die aus dem Tierschutz.
Zwei Monate weiter: kleine Fortschritte
Zwei Monate sind wir jetzt zusammen, und die Rückschläge werden seltener. Der Ekel ist zwar noch da, lähmt mich aber nicht mehr so wie am Anfang. Einen Satz nehme ich aus den letzten Wochen mit: Ich muss nicht jedes Verhalten sofort verstehen, um trotzdem den nächsten Schritt zu machen.

Wenn du gerade mit deinem eigenen Welpen im Park stehst und dich fragst, warum ausgerechnet dir das mit dem Kot-Fressen passiert: Du bist nicht allein damit. Puppy Blues heißt eben auch, die unschönen Seiten am Hundealltag gemeinsam durchzustehen – fremde Hinterlassenschaften inklusive.
Und jetzt entschuldige mich kurz, ich muss nachsehen gehen. ER HAT SCHON WIEDER DIE FERNBEDIENUNG im Maul. Wenigstens frisst er sie nicht, hoffe ich.