Welpe frisst alles vom Boden: So trainierst du das Abbruchsignal

Welpe frisst alles vom Boden: Abbruchsignal-Training für mehr Impulskontrolle beim Spaziergang

Sein Kopf schnellt nach unten, bevor ich unser Abbruchsignal "Lass es" überhaupt aussprechen kann, und im nächsten Moment kaut er schon auf irgendetwas Schwarzem und Klebrigem, das gerade noch auf dem Boden lag.

Mein Puls schießt hoch, meine Hand ist an seinem Maul, bevor mein Kopf überhaupt registriert, was ich da tue – genau um solche Sekunden geht es in der Welpenerziehung gerade am meisten bei uns.

Genau solche Szenen sind der Grund, warum ich im Gruppen-Chat unseres Online-Welpenkurses ständig dieselben Fragen bekomme, meistens mitten in der Nacht, meistens mit drei Ausrufezeichen.

Tamara Rüdiger aus dem Kurs hat neulich genau danach gefragt, ganz ruhig, so wie sie das eben macht, wenn im Chat wieder jemand in Panik postet, weil der eigene Welpe angeblich gerade einen Kronkorken verschluckt hat. In der ganzen Welpenerziehung ist genau das einer der Punkte, an denen die meisten von uns am Anfang verzweifeln.

Was sich am Anfang mit Welpe oft wie ein einziger Ausnahmezustand anfühlt (Stichwort Puppy Blues), wird bei diesem Thema besonders deutlich, weil man das Gefühl hat, überhaupt keine Kontrolle über das eigene Tier zu haben.

Der Grund, warum alles vom Boden im Maul landet

Für ihn ist der Boden gerade das spannendste Buffet der Welt – jeder Krümel, jeder Papierschnipsel, jeder Kaugummirest ist erst einen Schnüffler und dann einen Biss wert. Das hat nichts mit Ungehorsam zu tun. Er testet die Welt mit dem Maul, weil er kaum eine andere Möglichkeit hat herauszufinden, was interessant ist und was nicht.

Neugieriger Welpe untersucht schnüffelnd einen Gegenstand auf dem Boden – typisches Verhalten bei fehlender Impulskontrolle

Im Alltag wird das an der Leine am deutlichsten sichtbar: Sobald er etwas Interessantes wittert, zieht er los, als gäbe es kein Halsband. Genau da hängt das Thema mit einem anderen Klassiker zusammen, nämlich wenn dein Welpe an der Leine zieht – bei uns jedenfalls sind das zwei Seiten derselben Medaille.

Neulich im Mariannenpark in Gohlis ist er fünf Schritte am lockeren Seil neben mir hergelaufen, ohne auch nur einmal zu ziehen, bevor der nächste Geruch ihn wieder komplett aus der Bahn geworfen hat. Fünf Schritte. Ich hätte am liebsten mitten auf dem Weg gejubelt.

Der Punkt ist: Du wirst ihm das Schnüffeln und Untersuchen nicht abtrainieren, und das musst du auch gar nicht. Was du trainierst, ist der Moment danach, die eine Sekunde, in der er sich zwischen der Beute und dir entscheidet.

Das Abbruchsignal: ein Versprechen, kein Verbot

Ein Abbruchsignal wie "Lass es" oder "Tabu" ist kein Stopp-Schild, sondern ein Tauschangebot. Du sagst nicht "gib das her", du sagst "lass das liegen, und du bekommst bei mir etwas Besseres". Das klingt nach Erziehungstheorie, ist aber nichts anderes als Impulskontrolle.

Impulskontrolle bedeutet für einen Welpen, dass zwischen Reiz und Reaktion eine kleine Lücke entsteht, in der er sich entscheiden kann – genau die Lücke, die du mit dem Abbruchsignal trainierst. Am Anfang ist diese Lücke praktisch nicht vorhanden: Er sieht etwas, er schnappt zu, fertig. Mit jeder Wiederholung wird der Abstand zwischen Sehen und Schnappen ein Stück größer, bis er irgendwann von selbst kurz innehält, bevor er reagiert. Timing spielt dabei fast eine größere Rolle als das Wort selbst, aber das ist noch mal ein eigenes Fass, das ich hier nicht aufmache.

Der Denkfehler mit dem lauten "Nein"

Ich hab am Anfang alles falsch angepackt. Sobald er beim Kauen erwischt wurde, hab ich laut "NEIN" gerufen, wieder und wieder, jedes Mal lauter, in der Hoffnung, dass es irgendwann ankommt. Es hat null gebracht. Er hat sich davon nicht mal kurz ablenken lassen, sondern höchstens noch hektischer geschluckt.

Was mir das laute Nein eigentlich beigebracht hat: dass ICH für ihn die Bedrohung für seine Beute bin, nicht der Boden. Er hat gelernt, schneller zu schlucken, bevor meine Hand kommt, genau das Gegenteil von dem, was ich eigentlich wollte.

Wenn du also merkst, dass dein Welpe bei jedem "Nein" nur noch hektischer wird statt ruhiger, ist das ein Zeichen, die Lautstärke rauszunehmen und stattdessen mit einem Tausch statt mit einer Drohung zu arbeiten.

So baust du "Lass es" in Ruhe auf

Der Aufbau selbst ist unspektakulär, und genau das ist der Trick dabei. Du nimmst ein eher mittelmäßig interessantes Leckerli in die geschlossene Faust und hältst sie ihm hin. Er wird schubsen, lecken, mit seinen Milchzähnen an deinen Fingern herumknabbern, und du sagst währenddessen gar nichts. Erst in dem Moment, in dem er kurz aufgibt und den Kopf wegdreht, sagst du dein Signalwort und gibst ihm aus der anderen Hand ein deutlich besseres Leckerli, etwas mit echtem Suchtfaktor.

Hand hält ein hochwertiges Leckerli als Belohnung beim Abbruchsignal-Training

Nebenbei geht bei uns einiges kaputt, weil er sich in den Trainingspausen lieber durch sein Körbchen aus der Welpen Erstausstattung kaut, als brav weiterzuüben.

Welpe wartet geduldig vor einer geschlossenen Faust während des Lass-es-Trainings

Sobald das mit der geschlossenen Faust zuverlässig klappt, kommt der eigentliche Endgegner: dieselbe Übung mit der offenen Hand. Das dauert bei uns länger, als mir lieb ist, aber ich übe lieber öfter kurze Einheiten als selten lange, ein paar Minuten reichen völlig, alles darüber überfordert ihn nur.

Der Test, ob es wirklich sitzt: Erst wenn die offene Hand genauso zuverlässig funktioniert wie die geschlossene, lohnt es sich, draußen mit echten Ablenkungen zu üben. Vorher bringt das draußen ohnehin nichts außer Frust auf beiden Seiten.

Wenn der Welpe bereits etwas im Mund hat

Das Abbruchsignal ist für den Moment davor gedacht, nicht für die Nachsorge, wenn er den Fund schon fest im Maul hat oder sogar schon geschluckt ist. Hinterherjagen oder Anschreien bringt in dem Moment nichts, er rennt dann nur weg oder schluckt noch schneller.

Nahaufnahme der spitzen Milchzähne eines Welpen beim Knabbern in einer Trainingspause

Besser funktioniert bei uns der ruhige Tausch: ein richtig gutes Leckerli anbieten und warten, bis er von selbst das Maul öffnet, statt es ihm mit Gewalt aufzuzwingen. Wenn er dabei sowieso ständig an deinen Fingern herumkaut, ist das noch mal ein eigenes Thema, das ich separat aufgeschrieben habe: Welpe beißt in Hände und Füße.

Bei giftigen oder wirklich gefährlichen Sachen zählt keine dieser Regeln, dann geht Sicherheit vor jedem Trainingsprinzip, und im Zweifel ab zum Tierarzt statt selbst herumzuprobieren.

Merk dir als Faustregel: Abbruchsignal für vorher, ruhiger Tausch für danach, Tierarzt für den Ernstfall.

Woran du merkst, dass die Impulskontrolle wirklich greift

Ein gutes Zeichen ist, wenn er bei einem Fund kurz zögert, bevor er reagiert, selbst wenn er sich am Ende doch noch dagegen entscheidet, zu dir zu kommen. Genau dieses kurze Zögern ist die Lücke, von der oben die Rede war, und sie wird mit jeder Übung ein bisschen größer.

Sogar Nele, meine Mitbewohnerin, die mit Hunden eigentlich gar nichts am Hut hat, hat neulich bemerkt, dass er bei einem heruntergefallenen Brotstück kurz gezögert hat, bevor er draufsprang. Für sie war das nichts Besonderes, für mich ein kleiner Sieg.

Wenn du also wissen willst, ob dein Training überhaupt etwas bringt, achte nicht auf die perfekten Momente, sondern auf genau dieses kurze Zögern dazwischen. Das ist der eigentliche Fortschritt, lange bevor er das Signal hundertprozentig zuverlässig befolgt.

Tamara hat mir danach im Chat geschrieben, dass genau dieses Zögern bei ihrem Pudelmix der Moment war, an dem sie zum ersten Mal das Gefühl hatte, die Kontrolle nicht komplett verloren zu haben. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die ganze Abbruchsignal-Frage: Es geht nicht darum, dass dein Welpe nie wieder etwas vom Boden frisst. Es geht darum, dass ihr beide lernt, in genau diesem einen Moment kurz innezuhalten.